Berlin-Marathon am 30. September 2007

Nach einer kurzen Nacht werde ich gegen vier ohne Weckerhilfe wach. Mir steht ein Marathonabenteuer bevor. Das Abenteuerliche daran ist die Ungewissheit, ob ich die 42 Kilometer diesmal durchstehe oder aufgeben muss. Die langwierige Achillessehnenreizung hat mich in den letzten Monaten schwanken lassen, ob ich so verrückt sein soll zu laufen oder lieber ganz vernünftig absage. Die Laufverrücktheit hat sich durch- und ich mich über mütter- bzw. schwiegermütterliche Bedenken hinweggesetzt. Für Spannung ist also gesorgt. Ansonsten fühle ich mich gut präpariert, bin ausgeruht, habe in den letzten Tagen fleißig gefuttert, bin von Erkältungsproblemen, mit denen sich Wolfram im Moment herumschlagen muss, verschont geblieben. Und ich denke insgeheim, dass ich auf jeden Fall ein ganz toller Hecht bin, ein eisenharter Bursche, der sich von einem Hinkefuß nicht ins Bockshorn jagen lässt.

Pünktlich auf die Minute tippt Wolfram auf den Klingelknopf. So behutsam, dass es nur einen kleinen "Bipp" gibt und der Rest meiner Familie nicht wach wird. Mit einer etwas weniger verschnupft klingenden Stimme als an den Vortagen begrüßt mich mein Laufvorbild. Unser Begleittross besteht aus Frau und Tochter Dütthorn. Von den Störels konnte sich keiner durchringen, mich zu begleiten. Während Wolfram über die in den Morgenstunden leere Autobahn jagt, huschle ich mich ins mitgebrachte Kuschelkissen und döse bis zur Pinkelpause an der Raststätte Michendorf vor mich hin. Wolframs perfekte Zeitplanung lässt uns genug Spielraum, um uns vor der Deutschlandhalle, wo wir das Auto wie immer abstellen, in Ruhe umzukleiden und die Kleidersäcke zu packen. Wir schlendern zur S-Bahn. Dort gesellen sich weitere Marathon-Verrückte hinzu. Bis zum Hauptbahnhof füllt sich der Zug. Die Aufregung macht sich bei einigen Läufern in sinnlosem Gequatsche Luft. Andere sitzen stumm rum und gehen in sich. Für Wolfram ist es auch ein besonderes Rennen. Wenn er das Ziel erreicht, hat er zehn Berlin-Marathonläufe auf seinem Konto. Das bedeutet, dass er ab dem nächsten Jahr eine "ewige" Startnummer bekommt. Er zählt dann zum so genannten "Jubilee club". Auch für ihn ist es ein spannendes Rennen, weil er nicht wissen kann, wie sich die noch nicht ganz auskurierte Erkältung auf seine Leistung auswirkt. Ein Menschenstrom zieht plaudernd über die Spreebrücke die uns zum Kanzleramt hinüberführt. Bange Blicke in den Himmel. Bis in die frühen Morgenstunden hatte es geregnet. Nun hat man uns zwar trockenes Wetter versprochen. Aber direkt übers Kanzleramt ziehen schwarze Wolken hinweg. Das könnte sinnbildlich sein. Doch Angela Merkel gelingt im Moment alles. So wie sie die Ängste und Sorgen der Deutschen zu zerstreuen vermag, zerteilt sich das dunkel-drohende Gewölk direkt über dem Regierungssitz. Birgit und Miriam verabschieden sich von uns, um beim Kilometer 1,3 in Stellung zu gehen. Im Vorbeigehen bekommen sie Haile Gebrselassie ins Blickfeld, der sich für seinen Weltrekordversuch warm läuft.

Wir Männer gehen nun jeder für sich konzentriert an die letzten Startvorbereitungen. Für mich bedeutet das: zwanzig Minuten einfach so da hocken und das Treiben um mich beobachten, dann die Schuhe schnüren (ich habe mich nun doch für meine alten quietschenden Treter entschieden, weil ich vermute, dass die neueren die Achillessehnenreizung befördert haben), die Brustwarzen abkleben und in die Rennkleidung schlüpfen. Letzteres tue ich so spät als möglich, weil es recht kühl ist. Flink noch einen Wegwerfpullover drüberstreifen und in den gelben Plasteüberwurf, der vor dem Start warm halten soll, hüllen, dann den Kleidersack abgeben und zum Startblock trotten, wobei ich mehrfach umliegende Bäume und Sträucher wässere. Als altgedientem Berlin-Läufer, für mich ist es ja auch schon der fünfte Berlin-Marathon, bleibe ich diesmal am Rande des Gedränges. Innerhalb der Absperrgitter quetschen sich aufregungsverschwitzt oder mit verschiedenen muskelentspannenden Ölen eingeriebene Männer- (90%) und Frauenleiber (10%) auf engstem Raum. Ich weiß, dass sich die Lage entspannt, wenn der Startschuss fällt, und warte mit anderen Erfahrenen am Rand. Das hat allerdings den Nachteil, dass wir mit Kunststoffplanen und Pullovern bombardiert werden, die die drinnen Stehenden nun los werden wollen. Da einige Spaßvögel die Sachen wieder zurückwerfen, fühle ich mich an frühkindliche Kissenschlachten erinnert.

Wolfram, der flotte Hirsch, startet weiter vorn. Ich passiere erst neun Minuten nach Haile Gebrselassie die Zeit messende Matte am Start. Verabredungsgemäßes Winken kurz nach dem ersten Kilometer. Auch Wolframs Bruder mit Frau schauen zu. Von nun an widme ich mich konzentriert der Strecke. Nur keinen Fehltritt an einer Bordsteinkante machen, möglichst vermeiden, einen Tritt in die Hacken zu bekommen. Am Ernst-Reuter-Platz gucke ich mir einen Läufer aus, der zu meinem avisierten Tempo passen könnte. Fortan behalte ich ihn immer im Blickfeld und versuche ihm zu folgen. Tatsächlich läuft er sehr gleichmäßig etwas unter fünf Minuten. Bis zum Kilometer fünfundzwanzig bleibe ich in seinem Schatten. Dann wird er schneller oder ich langsamer und ich muss ihn ziehen lassen. Kurz vorher wird über Lautsprecher auf die Strecke gerufen, dass Haile den Weltrekord geknackt hat. Jubel bei den Zuschauern und den Läufern. Zum Vergleich: wir sind witzigerweise kurz vor der 24 Kilometermarke, als der Äthiopier die 42 Kilometer hinter sich gebracht hat. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Schleicher sich vorn einreihen und dann den schnelleren Läufern im Wege stehen. Bis weit über die Hälfte des Rennens überhole ich Leute, die sich über die Strecke schleppen und mich zwingen Schlängellinien zu laufen. Was die Verpflegung betrifft, habe ich heute eine Premiere. Wolfram war so nett, mir seinen Trinkflaschengürtel zu überlassen. So transportiere ich Wasser und die Power-Gel-Beutel am Mann. Ab Kilometer zehn flöße ich mir alle fünf Kilometer so eine Kohlenhydratbombe ein und trinke fleißig. An den Wasserständen befülle ich die Trinkflaschen neu. Das geht schnell und schwabbert nicht so wie beim Trinken aus dem Becher. Die regelmäßige Versorgung mit Nährstoffen macht sich bemerkbar, indem ich nichts merke. Das heißt, indem ich über eine lange Zeit des Rennens keinen Kräfteverschleiß spüre. Mir bleibt der so genannte Hammer, der einen irgendwann auf den letzten zwölf Kilometern umhaut, erspart. Und bis zum Ende bewahre ich einen klaren Kopf und kann den frenetischen Jubel rund um mich herum wahrnehmen. Natürlich tun in der letzten Laufstunde die Knochen weh. Ich muss kleinere Schritte machen, um die Oberschenkelmuskeln zu entlasten. Die Achillessehne, die auf den ersten Kilometern rebellierte und dann Ruhe gab, meldet sich wieder. Aber mit einer geringfügigen Verringerung des Tempos lässt sich das ertragen und ich kann weit mehr als in den vorangegangenen acht Marathonläufen die Schlussphase genießen.

Man kann nicht bei jedem Lauf einen neuen persönlichen Rekord schaffen. Schon Nach ungefähr dreißig Kilometern weiß ich, dass ein Rekordlauf nicht drin ist, aber bei moderatem Tempo immerhin der beste Berlin-Lauf überhaupt. Das beflügelt zusätzlich. Im Ziel bin ich nach 3 Stunden und 34 Minuten. Ich bin erleichtert und glücklich und mir widerfährt etwas, was ich beim Marathon noch nie erlebt habe. Ich heule los wie ein Schlosshund. Die aufgestauten Emotionen brechen sich Bahn. Die ganze Spannung, ob es nun richtig war, trotz Verletzung zu laufen oder idiotischer Übermut, löst sich und ich wimmere sinnlos vor mich hin. Selbst das Telefonat mit Susi eine halbe Stunde später ist noch von Schluchzern begleitet. Der Handy-SMS-Dienst zeigt mir, noch bevor ich zu Dütthorns stoße, wie Wolfram gelaufen ist. "Nur" 3 Stunden 23 Minuten. Ihm muss es ähnlich ergangen sein wie mir. Die Hälfte des Rennens zügig mit Blick auf eine mögliche Bestzeit (1:29) und auf der zweiten Streckenhälfte ein Zurückstecken der Ambitionen, weil man mit einer Erkältung eben keine Rekorde laufen kann. Wie er mir dann zu verstehen gibt, hat er trotz einiger Gehpassagen die letzten Kilometer mit Glückshormon-Tränchen in den Augen zugebracht. Männer werden im Alter vielleicht immer sentimentaler... Auf der Heimfahrt schwelgen wir Männer im mehr oder weniger berauschten Austausch der frischen Marathon-Eindrücke und Birgit hofft, dass es ab übermorgen auch mal wieder ein anderes Gesprächsthema gibt. Miriam hat sich in ein Buch vertieft, dass ich Wolfram anlässlich seines zehnten "Sieges" in Berlin verehrt habe. Nach so vielen Läufen sollte man denken, schon alles erlebt zu haben. Aber rein gefühlsmäßig war der diesjährige Berlin-Marathon etwas ganz Besonderes für mich.


Tschüs Thomas


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