
Kilometer 40. Ich trotte gleichmütig vor mich hin. Mit meinen Kräften bin ich ziemlich am Ende. Der Akku ist leer wie die Batterie einer Taschenlampe, die nur noch müde vor sich hin funzelt. Neben mir tänzelt Wolfram locker die Straße entlang und unterhält sich mit Jens und Dieter, die uns per Rad begleiten. Dieter, schon 74, ein ehemaliger Radprofi und immer noch ein Haudegen, und Jens, seit meiner Schulzeit ein treuer Gefährte. Beide sind sozusagen "alte" Freunde. Sie wollen uns auf den letzten Kilometern bei Laune halten. Einen beträchtlichen Teil der Strecke sind sie nun schon neben uns her gefahren. Das ist in Leipzig problemlos möglich, weil das Starterfeld überschaubar ist und die Straßen breit sind.
Der Zuschauerzuspruch ist wieder einmal verglichen mit Berlin oder New York dürftig. Nur an ausgewählten Stellen haben sich von Anfang an Fans und Schaulustige versammelt. Ein paar Bands machen Musik. Sonntagsspaziergänger flankieren die Strecke und gucken neugierig. Erst auf unser Anklatschen hin rühren sie die Hände. Das geht die ganze Zeit so.
In Leipzig rennt man zwei Runden. Auf der ersten sind wir sozusagen auf Motivationstour und feuern die Zuschauer an, auf der zweiten feuert nur noch Wolfram. Ich habe mit mir zu tun und mein Winken wird mehr und mehr mechanisch. Wir sind in Kabarett-Shirts unterwegs und immer mal wieder hören wir "SanftWut"-Rufe oder "Manni, du schaffst es!"

Kilometer 40 zieht sich. Die Beine sind schwer. Während ich einen Fuß vor den anderen setze, fühle ich mich so, als würde ich gegen die Strömung durchs Wasser waten. Komischerweise bin ich trotzdem zufrieden. Das liegt daran, dass der orthopädische Apparat reibungslos funktioniert. Den ganzen Winter über hatte ich darauf geachtet, es mit dem Laufen nicht zu übertreiben. Zu gut waren mir die Achillessehnenbeschwerden in Erinnerung, die mich über ein Jahr geplagt hatten. Und nun, zwei Kilometer vor dem Ziel, finde ich es nicht so schlimm, nur schleichend vorwärts zu kommen. Ich bemerke, dass es für einen Hobby-Läufer mit Mitte vierzig noch ein anderes Glück gibt, als persönlichen Bestzeiten nachzujagen. Nämlich gesunde Knochen.
Vor zwanzig Minuten habe ich Susi und die Kinder zum letzten Mal gesehen. Die Familie fiebert an der Strecke mit. Wolframs Frau Birgit und Töchterchen Sophia sind kreuz und quer durch die Stadt gefahren und gelaufen, um uns so oft wie möglich zuzujubeln. Mein Anhang hat uns zweimal an der Ecke Lehmann-/Bebelstraße erwartet. Nach 15 und 36 Kilometern kamen wir dort vorbei. Beim ersten Mal frisch und forschen Schrittes, beim zweiten Mal, zumindest ich, ausgelaugt und müden Schrittes.

Vorn ist das 41-Kilometer-Schild. Na endlich. Im Ziel warten Äpfel, Bananen und Rosinen. Die letzten Marathonläufe – Leipzig ist mein zwölfter – hatte ich Powergel im Gepäck. Irgendwie hatte ich diesmal das Gefühl, dass ich es mal wieder ohne "Doping" probieren sollte. So habe ich den kompletten Lauf über nur Wasser und "Iso" getrunken und nichts gegessen. Eine neue Erfahrung und keine schlechte, auch wenn am Ende ein paar Körner fehlen. Dieter witzelt vom Rad rüber, dass er die Epo-Flasche zu Hause vergessen hat.
Beim Passieren der 41-Kilometer-Marke merke ich, dass ich deutlich über sechs Minuten für den letzten Kilometer gebraucht habe. Andere Läufer mit einem besseren Finish schlurfen an mir vorbei. Trotzdem verspüre ich nicht den Drang, noch einmal alles zu mobilisieren, um vielleicht noch eine halbe Minute zu retten und drei Plätze besser ins Ziel zu kommen. Seit einigen Kilometern schon weiß ich, dass eine Zeit über dreieinhalb Stunden herauskommen wird, nachdem es lange so aussah, dass wir deutlich drunter bleiben könnten.

Nach einem kuriosen Start – die Organisatoren teilten uns Läufern fünf Minuten, bevor es losging, mit, dass wir falsch stehen, und alles drängelte sich auf die andere Seite - absolvierten wir die erste Hälfte wie ein Uhrwerk in Kilometerzeiten von 4:45. Sonnenschein und ein auffrischender Wind von Osten waren unsere Begleiter. Schnell dröselte sich das Starterfeld in eine lange Läuferkette auf. Kurz vor der Halbmarathonmarke bildete sich um uns eine Gruppe, in der wir gemeinsam das Tempo hoch halten konnten. Am "Leuschner-Berg", wie Wolfram immer so schön sagt, fiel die Gruppe leider wieder auseinander, wir eilten zu viert vornweg. Das zweite Mal die Prager Straße hoch kostete Kraft. Oben beim Völkerschlachtdenkmal angekommen hoffte ich, dass es nun wieder leichter gehen würde. Das war aber ein Trugschluss und nach und nach wurde ich trotz Wolframs Bemühen, mich zu ziehen, langsamer. Auch der Zuspruch unserer Radbegleiter brachte mich nicht mehr auf Touren.
Kilometer 42. Die Jahn-Allee. Nur noch ein paar hundert Meter. Jens schickt mir einen Anfeuerungsruf hinterher, bevor er mit dem Fahrrad die Strecke verlässt. Kurz vorm Ziel empfangen uns dann doch größere Menschenmassen. Den Jubel vom Streckenrand nehme ich nur nebenbei wahr. Für Euphorie bin ich zu müde und für Enttäuschung ist die Zeit mit 3:34 viel zu gut. Roman Knoblauch, der für seine stundenlange engagierte Moderation auch eine gehörige Portion Ausdauer braucht, empfängt "Sanftwut" an der Ziellinie.

Eben noch schlapp, gerade noch inständig ersehnend, dass die Strapazen ein Ende finden, ist die Anstrengung nach ein paar Bananenstücken und Apfelhälften, nach ein paar Plastebechern Schorle und warmem Haferschleim wie weggeblasen. Und ein Gefühl tiefer Befriedigung stellt sich ein. Befriedigung? Das ist schon ziemlich verrückt. Das kann nur jemand nachempfinden, der es am eigenen Leibe erlebt hat.