
Die Zeitumstellung auf der Reise nach New York wirkt sich auch nach drei Tagen noch so aus, dass wir abends zeitig müde und morgens zeitig wach sind.
Also ist das Aufstehen kurz nach fünf kein Problem. Schon vorher höre ich Wecker piepen und Rumoren auf dem Gang. Anscheinend Läufer aus angrenzenden Hotelzimmern.
Am Fahrstuhl empfängt mich Herbert Steffny, unser Promi-Maskottchen. Unrasiert und freundlich weist er allen Läufern, die mit „interair“ gereist sind, den Weg zum Bus. Wolfram, der mich heute die ganze Strecke über begleiten will, sitzt schon drin, tatendurstig lächelnd.

Bevor wir starten, taucht Herbert noch einmal auf, gibt uns letzte Ratschläge und warnt vor zu schnellem Loslaufen.
Selbst um diese frühe Morgenstunde ist schon Verkehr in Manhattan. Die Leuchtreklame am Time Square blinkt vor sich hin. Keine Touristen in Sicht, die sich um diese Zeit an dem farbenprächtigen Werbeschauspiel erfreuen wollen. Bis um sieben müssen wir die Verrazano Bridge passiert haben, dann wird sie geschlossen. Aus ganz New York steuern Busse die Brücke an, um die Läufer pünktlich nach Staten Island rüber zu bringen. Je näher wir unserm Ziel kommen, das ja eigentlich der Ausgangspunkt ist, desto mehr Busse reihen sich aneinander.
Nach meinen bisherigen Erfahrungen hier in New York wundert es mich nicht, dass uns auf dem Weg in den Startbereich unzählige Helfer zur Seite stehen. Polizisten, die die Busse einweisen. Volunteers, die die Läufer in die geplanten Startzonen schicken. Über Lautsprecher kommen Ansagen in verschiedenen Sprachen. Ein wahrhaft internationaler Marathon, ähnlich wie in Berlin. Nur diesmal sind wir die Ausländer.

Viele sind dick eingemummelt, denn es ist kalt und windig. Etwa vier Grad, wenn man der New York Times glauben kann. Die Polizisten tragen Handschuhe und wollene Kopfbedeckungen unter ihren Dienstmützen. Die Volunteers machen es sich warm, indem sie uns schon vor dem Start klatschend anfeuern. Kaum sind wir aus den Bussen gekrochen, schallen uns Sprüche wie: „Good race!“ und „Make a good job!“ entgegen. Das hebt die Stimmung, während der eisige Wind die Plastikplanen bläht, die wir zum Schutz übergestülpt haben.
Auf der Marathonmesse habe ich mir wohlweißlich Handschuhe gekauft. Für die Zeit vor dem Start. Auf die Finger sind die „Boroughs“ (Stadtteile) gedruckt, die wir durchlaufen werden. Auf dem kleinen Finger steht „Staten Island“, auf dem Ringfinger „Brooklyn“, dann folgen „Queens“, „Bronx“ und „Manhattan“. Eine witzige Idee. Da können sich die Läufer an allen fünf Fingern abzählen, wo sie noch hinmüssen. Könnten die Leipziger für ihren kleinen Marathon abkupfern: Thonberg, Probstheida, Connewitz, Schleußig...

Staten Island liegt ganz im Süden und ist durch die Verrazano Bridge mit Brooklyn verbunden. Wir bekommen aber nicht viel von der Insel zu sehen, weil unser Aufenthaltsbereich vor dem Start gleich neben der Brücke ist.

Es sieht hier aus wie in einem Flüchtlingslager für die Wohlstandsgesellschaft. Eingezäunt, zusammengepfercht und nach Nummern sortiert, jedoch mit Bagels und Tee beköstigt und mit weit über tausend Dixi-Toiletten versorgt. Die Läufer lagern mit ihren spärlichen Habseligkeiten auf Wegen und Wiesen. Sie schützen sich mit Planen, Zeitungen, Wegwerfklamotten und sarkastischem Humor.

Wie können sich normale erwachsene Menschen so etwas antun? Freiwillig zum Sonntagmorgen bibbernd auf einer Wiese lagern, notdürftig umhüllt wie Penner im Central Park? Die Spezies der Marathonis hat eben eine Tendenz zum abartigen Masochismus.
Wir haben extra vorgesorgt. Wolfram hat eine Iso-Matte dabei und ich ein Minizelt. Neidische Blicke schweifen in unsere Richtung, als wir uns häuslich einrichten. Uns wird nicht gerade warm in unserer Behausung, aber der Wind lässt sich abhalten. Über eine Stunde harren wir zwangsweise in unvorteilhafter Kauerstellung aneinander gehuschelt aus.

Dann ist es Zeit, sicherheitshalber noch einmal ein Dixi aufzusuchen. Die Toilettenhäuschen sind so zahlreich, dass ich nicht lange anstehen muss. Die New York Times hat recherchiert, dem Thema ausführlich Platz eingeräumt und aufgelistet, wo wie viele stille Örtchen stehen. Allein nach Staten Island haben sie 1660 Dixis und 14000 Rollen Toilettenpapier gebracht.

Man nimmt hier die Angelegenheit ernster als in Europa. Pullern abseits ausgewiesener Orte steht unter Strafe und Läufer, die sich nicht daran halten, können disqualifiziert werden.
Zum Glück kommt nach neun die Sonne so richtig raus und wärmt uns die Gesichter. Auf dem langen Weg zur Startlinie türmen sich Klamottenberge. Heute hat jeder was wegzuwerfen. Die Obdachlosen New Yorks werden den Marathonläufern gewogen sein.

Die Profis sind schon früher gestartet. Wir laufen in der zweiten Welle und bekommen auch dort eine Hymne gesungen und einen eigenen Startschuss. Ein Jubelschrei geht durch die Menge. Es ist auch ein Erleichterungsschrei, dass es endlich so weit ist.
Für Wolfram und mich ist der Lauf nicht nur deshalb etwas Besonderes, weil wir zum ersten Mal in New York auf die Strecke gehen, sondern auch, weil wir keinerlei ernsthafte sportliche Ambitionen (sprich Bestzeiten) hegen. Das Thema haben wir vor fünf Wochen in Berlin abgehakt (Wolfram in drei, ich in dreieinhalb Stunden). Wir wollen den Lauf, so gut es geht, genießen und die Atmosphäre so intensiv wie möglich spüren. Ich habe extra eine kleine Kamera dabei, damit wir unsere Eindrücke visuell dokumentieren können. Gleich auf der Verrazano-Brücke bietet sich uns ein einzigartiges Panorama. Der Hudson-River mit der von hier aus winzigen Freiheitsstatue und der Skyline von Manhattan. Wenn das Wort aus Marathonläufersicht nicht idiotisch wäre, müsste man sagen: atemberaubend.

Die Aussicht muss harntreibend wirken. Schon auf der ersten Meile bilden sich Rinnsale am Straßenrand.

Das ist besonders appetitlich, wenn man bedenkt, dass wir gerade eine zweistöckige Brücke passieren. Und unten sind auch Läufer unterwegs.
Brooklyn: Ein großer Stadtteil im Süd-Osten, mit Manhattan verbunden durch die legendäre Brooklyn Bridge. Die nehmen wir aber nicht, sonst wären wir zu schnell da. Wir laufen durch Wohngebiete mit vorwiegend flachen Häusern und auffällig wild geschwungenen Stromleitungen in den Nebenstraßen. Erstaunlich, dass in einem so genannten Außenbezirk so viel los ist. Die lang gezogenen Straßen sind dicht gesäumt von Zujublern. Jubeln ist eigentlich untertrieben. Sie schreien. Der amerikanische (vornehmlich weibliche) Fan wird mir als kreischendes Wesen in Erinnerung bleiben.

Jede Meile machen wir ein paar Fotos und reichen den Apparat hin und her. Immer wieder machen Rockbands mit ihrem satten Sound auf sich aufmerksam. Sie halten nicht nur uns, sondern auch die Leute am Rand bei Laune. Eine schmale Straße führt einen Hügel hinauf. Links eine Kirche, davor ein röhrender Gospelchor, die Zuschauer klatschen und tanzen mit.

Die Stimmung flaut erst ab, als wir das jüdische Viertel in Brooklyn durchqueren. Herren mit hohen schwarzen Hüten und Löckchen links und rechts schreiten gemessen auf den Bürgersteigen entlang und betrachten uns Läufer mit einer Mischung aus Interesse und Irritation.

Wenn von „Hügel hinauf“ die Rede ist: Beim New-York-Marathon geht es fast ununterbrochen rauf und runter. Ein Rennsteiglauf in der Großstadt. Auf Dauer macht sich das bemerkbar. Gut, dass wir nicht auf Zeit-Rekordjagd sind. Herbert Steffny, der als einziger Deutscher in New York mal Dritter war, hat erzählt, dass hier 400 Höhenmeter zusammenkommen. Schon auf der ersten Streckenhälfte schnauft es rechts und links neben uns. Einige lassen das Rennen sein und gehen lieber.


Queen, der Mittelfinger am Handschuh, zeigt sich uns von einer eher hässlichen Seite. Werks- und Hafengelände, ramponierte Straßen, weniger Bands, weniger Zuschauer. So hätte ich mir eher die Bronx vorgestellt.
Es ist vertrackt. Wie schon in London spüre ich, dass ich dringend pullern muss. In Deutschland ist mir das beim Marathon noch nie passiert. Zum Glück stehen an jeder Meile ausreichend Dixis. Ich muss nicht extra warten.

Ein Grund für den Harndrang könnte sein, dass wir Meile für Meile mit Getränken belästigt werden. Zuerst ruft’s: „Gäädoreed! Gäädoreed!“ und weiter hinten: „Wooter! Wooter!“. Häufig sind es Kinderstimmen, weil unter den Wasserreichern viele Schüler sind. Das Gatorade-Elektrolytgetränk ist süß und klebrig. Man trinkt ein paar Schlucke. Der Rest wird verschüttet. Da kleben die Sohlen der Laufschuhe auf dem Straßenbelag. Wenn weiter hinten Wasserbecher auf die Straße fliegen, werden die Sohlen wieder rein gewaschen.

Wolfram schnappt sich häufig das „Gäädoreed!“ Ich nehme lieber Wasser und drücke mir alle paar Meilen Power-Gel in den Mund.
Das Spannendste am Streckenteil Queens ist die Queensborough Bridge. Sie führt zweietagig über den East River rüber nach Manhattan. Für die Läufer geht’s unten lang. Über uns braust der Verkehr. Links durch die Stahlstreben sieht man ziemlich nah die Wolkenkratzer, vornweg das Empire State Building. Ein tolles Fotomotiv!

Die Steigung bis zur Brückenmitte ist so stark, dass einige mächtig ächzen. Wir überholen gerade zwei Mädels mit einer witzigen T-Shirt-Aufschrift: „Catch us if you can!“ Viele Läufer haben sich was einfallen lassen. Am häufigsten sind Bekenntnisse für Obama. McCain-Läufer habe ich nur einen gesehen.
Auf der endlos langen Brücke gibt es kaum Zuschauer. Umso krasser wirkt der Ansturm auf der 1th Avenue. In Sechser-Reihen brüllen sich die Leute die Seele aus dem Leibe. Solche Aufmunterung tut gut, denn jetzt geht es vier Meilen auf einer der breitesten Straßen Manhattans schnurgeradeaus und subjektiv gefühlt nur aufwärts. Wir haben unsere Blicke nach links gerichtet und suchen das Publikum nach unseren Frauen ab. Susi und Birgit haben sich in die erste Reihe geschoben.

Wir bleiben stehen, machen Fotos und ich heize die umstehenden Zuschauer an. Ein geiles Gefühl. Wie im Fußballstadion.
Je weiter nördlich wir kommen, desto stärker lichten sich die Reihen. Gerade hier könnten die Läufer etwas mehr Zuspruch brauchen. Auch ich spüre erstmals Verschleißerscheinungen. Der Schritt ist nicht mehr so rund und die Beine werden schwerer.
Der Weg durch die Bronx ist kurz. Etwa zehn Minuten. Auch hier Bands, eine Leinwand und viele, vor allem schwarze Menschen. Von der sagenumwobenen „Bronx“ als Hort der Armut und Kriminalität sehen wir nichts. Wo wir lang laufen, steht sozialer Wohnungsbau. Hohe Ziegelgebäude mit kleinen Fenstern, alles ordentlich und sauber.

Mit dem Überqueren der Madison Avenue Bridge verlassen wir die Bronx. Wie ich gelesen habe, der einzige Stadtteil, der keine Insel ist. Ein ruhiges Wegstück, bevor in der Nähe des Central Parks die Stimmung wieder ansteigt. Jetzt muss ich Tempo rausnehmen, um weiter Spaß am Lauf und am Fotografieren zu haben. Währenddessen tänzelt Wolfram wie eine ausgeruhte Gazelle neben mir her.


Kurz vor dem Guggenheim-Museum biegen wir in den Park ab, der vom Charakter ein bisschen wie unser Leipziger Clara-Zetkin-Park wirkt – nur zehnmal so groß, wenn das reicht. In der Nähe vom Central Park ZOO stehen noch einmal unsere Frauen an der Strecke, bevor sie ins Hotel gehen, um dort auf uns zu warten.

Wir haben’s ja nicht mehr weit. Vorn am Plaza Hotel kommen wir auf die 59th Street, die südlich am Central Park entlang führt. Große Teile des Marathons hat uns Sonnenschein verwöhnt. Nun schlägt uns eisige Kälte entgegen. Die Wolkenkratzer lassen keine Sonne durch. Ungewöhnlich, aber mich fröstelt’s auf den letzten Metern.

Was die Attraktivität des Schluss-Kilometers betrifft, hat Berlin mehr zu bieten als New York. Hier endet der Lauf im Park. Das Finale über die „Straße unter den Linden“ und durch das Brandenburger Tor bleibt für mich unübertroffen.
Kurz vor der Ziellinie packt es mich. Ich juble mit den Zuschauern mit und animiere sie zum Mitfeiern. Ich laufe an den Rand. Sie halten die Hände zum Abklatschen raus und ich schlage ein. Ein letzter Adrenalinschub.

Dann überqueren wir, immer noch fotografierend, die Ziellinie bei 3:55. Man hängt uns Medaillen und eine Wärmefolie um. Die ist auch nötig. Auf dem langen Marsch bis zu den Kleidersäcken ist es schattig und kühl. Schweigend und an den Verpflegungsbeuteln nestelnd, zieht die Läuferschar vor sich hin.

Wieder kommt mir das Flüchtlingsbild vor Augen. Wie wir Wohlstandsmenschen, die sonst nichts auszustehen haben, uns einen 42-Kilometer-Marsch antun und danach in endloser Reihe stolz auf das Geleistete dahintrotten, während in Afrika kilometerlange Flüchtlingsströme aus existentiellen Gründen bis zur Erschöpfung unterwegs sind. Ohne Wärmefolie und Verpflegungsbeutel.
Alle, egal, ob sie nun das Letzte gegeben haben oder wie wir nur den Lauf genießen wollten, sind im Ziel erst einmal ausgelaugt. Wir haben nun schon allerhand Marathonläufe hinter uns (Wolfram 19, ich 11). Da wundert es uns nicht, dass wir uns sehr schnell erholt fühlen. Allerdings gibt es einige, die am Zaun lungern und apathisch durch die Gegend starren. Wie die New York Times am nächsten Tag berichtet, ist im Ziel ein 48jähriger zusammengebrochen und gestorben. So was wird immer wieder passieren. Uns aber nicht.
Wir schnappen unsere Kleiderbeutel, suchen uns am Ausgang ein Fleckchen zum Umziehen und versuchen, den Massen zu entfliehen. Das ist nicht so einfach, denn der Strom der ins Ziel Gekommenen trifft auf die herandrängenden Angehörigen, die wissen wollen, ob und wie ihre Lieben „überlebt“ haben.
Wir umgehen den Trubel, indem wir eine Seitenstraße nehmen. Aber was heißt hier schon Seitenstraße. Es ist Sonntag, nach zwei Uhr, und das Großstadtleben pulsiert. Die Geschäfte sind offen, die Gasthäuser und Imbissbuden gut gefüllt. Die New Yorker, ob sie nun was mit dem Marathon am Hut haben oder auch nicht, flanieren durch ihre Stadt. Die Autos drängeln sich hupend durch den Verkehr wie an jedem Tag der Woche. Heerscharen von Fahrrad-Rikscha-Fahrern quatschen die Touristen an, ob sie nicht einsteigen wollen. Am Columbus Circle, einem Verkehrs- und Fußgängerknotenpunkt, haben nicht mehr die Ampeln das Sagen, sondern mitten auf der Straße gestikulierende Polizisten. Sie haben gelbe Absperrbänder dabei, mit denen sie die Passanten bei Bedarf zurückhalten, um im Stau vorrückende Autos durchzulassen. So bleibt, obwohl hier alles zusammen strömt, das Chaos aus.
Wir schwimmen mit dem Strom und treiben Richtung Hotel. Bis zum „Helmsley Parklane“ brauchen wir nach dem Zieleinlauf mehr als eine Stunde. Dabei ist das Hotel gleich um die Ecke. Zwei Highlights liegen noch vor uns: ein heißes Bad und die Fotos ansehen!
