Nach mehrmaligen Marathons am Rennsteig wollten wir es einmal versuchen...
Alles begann am Freitag um 11:30 Uhr. Mein Vater fuhr Helge und mich zum Bahnhof. Mit
dem Zug ging es via Halle nach Eisenach. Das erste Erlebnis gab es schon in Weimar. Der
Zug hatte 4 Minuten Aufenthalt. Als ich aus dem Fenster blickte sah ich einen herrenlosen
Radhelm. Ich wies Helge darauf hin und 1 Minute später war er im Besitzt eines sehr guten
Radhelms. Angekommen in Eisenach gab es den ersten Rückschlag. Es stellte sich heraus,
dass unser Hotel in einem ca. 5km entfernten Ortsteil liegt. Wir beschlossen daraufhin erstmal
die Startunterlagen zu holen. Danach fragten wir uns nach der richtigen Buslinie durch um in
unser Hotel zu kommen. Dort angekommen hatten wir die nächste Freude. Frühstück ab 4
Uhr sollte 10€ pro Person kosten. Uns blieb nichts anderes übrig. Wir bezogen unser Zimmer
ruhten uns eine Stunde aus, um dann wieder mit dem Bus nach Eisenach zu fahren. Leider
stellten wir an der Haltestelle fest, dass wir den Bus gerade verpasst hatten und der letzte Bus
aus Eisenach schon um 18:30 Uhr wieder zurückfuhr. Wir beschlossen nach Eisenach zu
laufen und für den Rückweg entweder ein Taxi zu nehmen oder jemanden zu finden der mit
dem Auto ins Hotel zurückfährt.
Nach einer Stunde kamen wir dann endlich am Partyzelt an. Eine lange Schlange begrüßte uns. Wir reihten uns brav ein und wurden mit einer großen Portion Klöße mit Gulasch belohnt. Glücklicherweise fanden wir auch jemanden der uns mit zurück ins Hotel nahm. Dort angekommen bereiteten wir unsere Sachen für den nächsten Morgen vor, ließen uns von Herrn Jauch noch ein paar Fragen zur Million stellen und löschten voller guter Dinge um 21:15 Uhr das Licht.
Punkt 4:00 Uhr. Der Wecker klingelt. Ich fühle mich so ausgeschlafen wie vor keinem
Rennsteiglauf. Helge hat nicht ganz so gut geschlafen, ist aber dennoch hoch motiviert. Mit
der typischen Läuferroutine werden die morgendlichen Dinge erledigt: Klogang, Frühstück,
Klamottenwahl. Um 5:20 Uhr fährt uns das Sammeltaxi bis auf den Marktplatz von Eisenach,
besser geht es nicht. Wir suchen den für unsere Startnummern passenden LKW für die
Taschenabgabe, machen uns ein bisschen warm und reihen uns um 5:50 Uhr in die
Startaufstellung ein. Es werden noch ein paar Fotos gemacht und dann geht es auch schon los.
Punkt 6 Uhr wird die Meute auf die 72,7km geschickt. Und zu meiner Überraschung säumen
nicht nur Angehörige mancher Läufer die Einkaufsstraße in Eisenach, sondern es scheinen
auch ein paar Anwohner die frühe Startzeit nicht gescheut zu haben um die Läufer
anzufeuern. Aber die Freude darüber währt nur kurz. Nach dem Stadttor geht es direkt rechts
die Straße herauf. Hier machen wir das erstmal Bekanntschaft mit was uns die nächsten 25km
zum Großteil erwartet: Steigungen! Es geht in den Wald hinein. Die Wege sind durch den
Regen der in der Nacht durchgezogen ist schlammig. Auf den ersten Kilometern gibt es
immer wieder Stillstand durch Engstellen und große Pfützen die umlaufen werden müssen.
Helge und ich halten uns streng an das, was wir uns vorgenommen haben. Bei jeder Steigung
wird gegangen und wir merken schnell, mit dieser Taktik sind wir nicht alleine. Im Gegenteil
95% um uns herum machen es har genauso. Auf diese Art und Weise vergehen die ersten
Stunden. An der Verpflegungsstelle Glasbachwiese gibt es den ersten und bis zum Ziel besten
Schleim. Helge bekommt nicht genug und holt sich noch einen zweiten Becher. Wir teilen uns
ein halbes Fettbemmchen mit Salz und weiter geht's auf die letzten Kilometer zum Inselsberg.
Am Dreiherrenstein gibt es noch mal etwas zu trinken, eh wir den Großteil gehend zum ersten
Höhepunkt bewältigen. Das erste 1/3 ist geschafft wir sind oben. Leider etwas neblig aber was
soll's. Schnell noch ein Foto gemacht, ein kurze Handschlag, das Teilziel Oberhof ins Auge
genommen und los auf geht's die Oberschenkel- und Wadenmuskulatur wachrütteln. Das
Stück runter zur Grenzwiese/kl. Inselsberg wird das ekeligste Stück des ganzen Laufes
werden. Ein sehr steiler Weg. Helge wird fast von einer "ins Rollen" gekommenen Läuferin
platt gewalzt, anders gesagt: eine vollschlanke Frau überholt ihn und so laut wie sie brüllt
könnte man denken man kann sie im Ziel noch hören. An der Verpflegungsstelle
angekommen spüren wir beide zum ersten Mal unsere Beinmuskeln. Mit Schleim und
Fettbemmchen gestärkt geht es auf das nächste Teilstück. Es ist großteils gerade oder leicht
abfallend. Es "rollt" gut und wir müssen uns gegenseitig immer mal wieder dazu zwingen
nicht zu überziehen. Immerhin haben wir noch deutlich über 40km vor uns. Irgendwo auf dem
Teilstück kl. Inselsberg und der Getränkestelle Possenröder Kreuz gesellen sich auch die
Wanderer der 35km mit zu uns. Und ein paar Kilometer später ist es dann auch soweit. Wir
kommen zur Verpflegungsstelle Ebertswiese. 37,4km! Der Sprecher begrüßt die Läufer mit
"Ihr habt die Hälfte geschafft." Wir beide schauen uns an und fragen uns kurz was wir hier
eigentlich machen. Die mittlerweile standardmäßige Verpflegung (Tee, Schleim,
Fettbemmchen, Banane) wird eingeworfen, das obligatorische Foto nicht zu vergessen. Dann
passiert uns was, was uns immer wieder begegnet. Verpflegungsstelle und direkt danach
glotzt uns so ein blöder Anstieg an. Aber gut, haben wir wenigstens Zeit das Essen zu
verdauen. Kurz angemerkt uns geht es für die Strecke erstaunlich gut. Die Muskeln fühlen
sich echt super an. Es geht Richtung Neue Ausspanne, dort wird wieder Tee getankt. Es
folgen einige Kilometer wo es mal wieder deutlich bergauf geht. Erst direkt nach der
Straßenquerung und etwas später mit unangenehm zu laufenden Schotter. Aber wir meistern
es mit konsequenten "Gehabschnitten". Wir wollen uns einfach nicht an den Anstiegen
verballern und alle um uns herum tun es uns wie schon am Anfang gleich. Aber so zahlreich
wie zu Beginn des Laufes sind die Begleiter nicht mehr und wenn trifft man immer wieder die
gleichen Gesichter. Kein Wunder, bei so einer langen Strecke pendelt man sich irgendwann
auf Läufer die ähnliche Geschwindigkeiten laufen ein. Nach der Verpflegungsstelle Neuhöfer
Wiesen folgen lange und öde Kilometer. Die Abschnitte die bis zum Grenzadler folgen
ändern sich kaum. Die Wege scheinen sich immer zu gleichen, die Baumreihen immer die
gleiche Anordnung zu haben. Hier werden die Nerven zum ersten Mal auf eine harte Probe
gestellt. Einzige Auflockerung ist eine Getränkestelle, zum Glück. Nach einer gefühlten
Ewigkeit erreichen wir dann doch nach 6h:40min den Grenzadler. Wir schauen uns die
erschöpften Gesichter am Massagestand an, sehen ein paar Aussteiger die sich gegenüber
ihrer Familie/Bekanntschaft rechtfertigen nicht bis Schmiedefeld zu laufen, lassen uns
fotografieren und tanken am Verpflegungsstand Energie und Motivation für die letzten 18km.
Auf dem Weg zum Rondell unterhalten wir uns, dass wir es wenn wir uns sputen unter 9h
schaffen könnten. Helge ist von dieser Zahlenspielerei nicht so begeistert. Ein Mitläufer der
unser Gespräch aufschnappt pflichtet mir bei es schaffen zu können, sagt aber auch
"macht doch lieber ruhig auf eine 9:20". Ich lasse mich davon aber nicht beirren und versuche das
Tempo auf den nächsten Abschnitten leicht zu steigern. Helge lässt sich aber nicht veräppeln
und drängt vernünftiger Weise auf unser ruhiges Tempo zurück. Am Rondell gibt es noch mal
Getränke und wie schon bei den letzten Verpflegungspunkten gibt es danach gleich eine
bergauf Passage. Da ich mich noch gut fühle und auch Helge keine Beschwerden äußert
schaue ich immer wieder auf die Uhr und versuche das Tempo weiterhin etwas höher zu
halten. Spätestens hier hatte ich mir eine Zeit unter 9h fest vorgenommen. Doch der Lauf ist
noch nicht zu Ende und ich musste lernen, dass auf 72,7 km VIEL passieren kann. Bei km 62
will ich noch mal fix hinter die Büsche. Beim öffnen der Schleife am Hosenbund verknotet
sich die Kordel. Die nächsten Kilometer bis zur Schmücke verbringe ich damit laut fluchend
zu versuchen den Knoten zu öffnen, vergeblich. An der Schmücke angekommen ist das erste
Ziel das Sanizelt. Die Leute gucken nicht schlecht, als ich nach einer Schere Frage um die
Kordel aufzuschneiden. Endlich!!! Ich kann pinkeln. Die größte Erlösung der gesamten
Strecke bisher. Als "Andenken" an diese Aktion hab ich eine Blutblase am Finger.. Nachdem
alles erledigt ist drücke ich kräftig auf die Tube. Helge hat immer mehr Schwierigkeiten mich
zu bremsen. Ein paar Kilometer nach der Schmücke geht es noch einmal bergab, gefolgt von
einem nicht enden wollenden Anstieg. Jeder der den Halbmarathon kennt weiß wovon ich
spreche. Ein paar Minuten später erreichen wir den Bierfleck. Wie der Name sagt kann man
ab hier ähnlich wie beim Marathon die letzten Kilometer alkoholisiert zurücklegen. Wir
verzichten aber beide und belassen es bei Tee. Die letzten Kilometer bestehen aus Warten,
dass es endlich bergab nach Schmiedefeld geht und Helge davon zu überzeugen, dass es vor
der Gartensiedlung noch einmal kurz bergauf geht. Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir nur damit
beschäftigt andere Läufer zu überholen. Unsere Taktik die komplette Strecke sehr ruhig zu
gestalten scheint aufzugehen. Wir sind die Einzigen die jetzt noch in der Lage sind eine Kohle
drauf zu legen. Wir stellen fest, dass das Schild für die 70km nicht existiert. Vor uns taucht
noch einmal ein Läufer auf den wir schon oft gesehen und überholt hatten. Er trägt ein
Franziskaner Fahrradtrikot hat aber auch zu diesem Zeitpunkt kein Bier dabei. Kurz darauf
queren wir die Straße, es geht Richtung Schmiedefeld und Helge muss einsehen, dass es
wirklich noch einmal bergauf geht. Immer wieder höre ich jetzt "nicht so schnell, nicht so schnell".
Aber zu diesem Zeitpunkt ist das auch völlig egal. Die Uhr sagt mir, es reicht locker
für unter 9h. Entlang der Gärten geht es Richtung Ziel. Ab der Einmündung auf die Straße
zum Sportplatz werden wir von den Zuschauern förmlich getragen. Klatschen, Zurufe und
großer Respekt begleiten uns Richtung Sportplatz. Jeder kennt diesen fantastischen Einlauf in
Schmiedefeld. Aber nach 72,7km fühlt man sich kurzzeitig wirklich wie ein König. Wir
haben es geschafft. Bejubelt von den Zuschauern, den Halb- u. Marathonis unseres Vereins
laufen wir Hand in Hand nach 8h51min31sec ins Ziel. So richtig kann es keiner von uns
beiden realisieren, dass wir gerade den Rennsteig Supermarathon gemeistert haben. Wir
liegen uns in den Armen und genießen den Moment.
Eigentlich sollte es einmal und nie wieder sein.....
